Oktober 2, 2022

Von harten Bällen und weichem Sand

Wir Menschen lernen von Kindheit an, dass es eine Rangordnung gibt. Auch bei den Tieren erkennen wir diese Rangordnung und versuchen, Sie für unsere Zwecke zu nutzen.
Es ist immer gleich: Zwei Wesen treffen aufeinander. Einer will der Chef sein und um auszuprobieren, ob er das auch kann, provoziert er den anderen. Tagtäglich sind wir mit Provokation konfrontiert und müssen uns entweder unterwerfen oder kämpfen oder wir sind diejenigen, die als erstes provozieren um gar nicht erst den anderen auf die Idee kommen zu lassen, das wir uns unterwerfen würden. Es beginnt beim einsteigen in die U-Bahn, geht weiter im Büro mit Kollegen und Chef und endet am Abend im Zusammensein mit meinem Pferd.
Waren es in der Urzeit eher die körperlichen Auseinandersetzungen, sind es heute vor allem die verbalen Provokationen, mit denen wir „zum Kampf“ herausgefordert werden.
Muss das so sein?
Wenn ein prall gefüllter Ball auf harten Fußboden trifft, gibt es einen Knall und einen Energie geladenen Aufprall. Wenn der prall gefüllte Ball in eine weiche Sandgrube fällt, passiert nichts. Andersrum kann auch nur der harte Ball auf dem harten Fußboden für einen Aufprall sorgen, lässt man die Luft raus und wirft den weichen Ball auf den harten Fußboden passiert auch nichts.


Die harte Energie eines Angreifers braucht immer einen Gegenspieler um wirksam sein zu können.Wenn die harte Energie eines Angreifers keinen Gegenspieler findet, gibt es keinen harten Zusammenprall und die böse Energie verflüchtigt sich ohne Wirkung.


Wenn ich als Mensch mit Provokation durch einen Menschen konfrontiert werde, kann ich entweder „hart“ sein und es kommt zur Konfrontation, zum Zusammenprall, zur Aggression oder ich kann „die Luft rauslassen“, weich sein und der Gegner schleudert seine Energie ins Leere. Wenn der Gegner merkt, dass er seine Energie sinnlos verplempert, wird auch er weich, denn Härte ist anstrengend und niemand strengt sich lange an ohne damit etwas zu erreichen.


Wenn Menschen und Pferde auf einander treffen sind immer (wenn auch oft unbewusst) die Menschen die Provokateure und die Pferde werden gezwungen sich zu verteidigen. Hierdurch treffen Energien aufeinander, die zu Aggression und Konfrontation, zum „Kräfte messen“ werden.
Diese Art des Zusammenlebens unter ständiger Provokation und Konfrontation im täglichen Leben und im Zusammenleben mit den Pferden ist sehr anstrengend und nicht wirklich angenehm.
Die Philosophie der chinesischen Kampfkunst sagt: Je weicher – im physischen und psychischen Sinne – ich den Menschen und Tieren in meiner Umgebung begegne, desto weniger muss ich kämpfen, um mich zu behaupten und das macht das Leben leichter, da ich sehr viel Energie spare.


Ganz wichtig ist hierbei das Wissen aus dem Mentaltraining: Körper und Geist bilden immer eine Einheit und beeinflussen sich gegenseitig in beide Richtungen. Also: Wenn mein Geist provoziert, wird mein Körper fest und hart. Wenn mein Körper fest und hart ist, ist auch mein Geist in Kampfstimmung. Wenn mein Körper weich ist, wird auch mein Geist weich und friedfertig.
Dies ist einer der wichtigsten Gründe, warum man sich nach den Tai Chi Übungen so wohl fühlt, mit anderen Menschen besser klar kommt und auch mit seinem Pferd so toll harmonieren kann.


Je weicher ein Mensch mit einem Tier umgeht, desto weicher und williger wird das Tier. Das betrifft den Umgang insgesamt aber auch jede Menge einzelne Faktoren. Beispiele: Je weicher meiner Hand am Pferdemaul ist, desto weicher ist auch das Pferd mit seiner Muskulatur im Hals und Maul. Je weicher ich mein Pferd zum folgen auffordere, desto weicher und williger folgt es mir, weil wir beide uns miteinander wohl fühlen können. je weicher ich sitze, desto weicher ist auch der Pferderücken. u.v.m.

Beitragsfoto: Canva.com

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